3. Türchen (2017) oder was hat das Leben mit ihnen vor?

Liebes Du,

Den ganzen Tag schon schiebe ich das Türchen schreiben vor mich her, die Frage die mich heute erwartet ist mir große Herausforderung.

„Ich frage mich, warum manche Menschen den langen Weg des Erlernens im Leben durchwandern müssen, um im Alter alles wieder zu vergessen, aufgrund von schwerer Demenz am Ende – manchmal nichteinmal die Liebsten mehr erkennen. Was hat das Leben mit ihnen vor?“

Ich pflücke es mal auseinander.

„… Weg des Erlernens… um im Alter alles wieder zu vergessen…“

Du trennst das Erlernen und das Vergessen – ich nicht. Diese Menschen lernen auch dann noch, wenn sie vergessen, zumindest so lange wie ihnen bewusst wird, dass sie vergessen.
Lernen ist nicht ein Anhäufen von Wissen, es ist hier das erlernen mit dem Neuen, neue Umstände, neue Menschen (ja, irgendwann sind sie jeden Tag neu, fremd) umzugehen. Sie lernen das Loslassen, das Loslassen von Wissen, das Loslassen von Eigenständigkeit, das Loslassen von allem was irgendwann wichtig gewesen ist. Ganz am Ende ist es dann wie „Rückwärts Leben“, von den Fähigkeiten eines Kindes, Kleinkindes zu denen eines Säuglings, eines überdimensionalen Säuglings.

„Was hat das Leben mit ihnen vor?“

Das Leben schenkt uns allen Möglichkeiten unsere Lektionen zu lernen. Damit dies machbar ist, sind wir uns gegenseitig Herausforderung. Wenn der Demente seinen langen Weg des Loslassens gegangen ist, er seinen Frieden gefunden hat, dann ist er uns noch Gelegenheit an ihm zu lernen, zu wachsen.

Zwei Dinge möchte ich uns allen, ganz besonders dir Gaby (meiner Fragestellerin) mit auf den Weg geben:

– Ich wünsche uns von Herzen, jede Fähigkeit die unserem Menschen abhandenkommt loslassen zu können. Halten wir daran fest, werden wir von Enttäuschung zu Enttäuschung laufen.
Papa kann mir kein Ratgeber mehr sein, es sind keine langen Unterhaltungen mit ihm mehr möglich. Als ich lernte diese Dinge auch nicht mehr von ihm zu erwarten, als ich mein Bild von Papa an Papas Istzustand angepasst hatte, konnte ich ihm wieder ohne Schmerz begegnen.

– und ganz, ganz wichtig für alle Beteiligten: Hilfe suchen, auch dann schon, wenn wir glauben es noch alleine zu schaffen.

Deine Frage hat auch ganz viel mit meinem ablaufenden Jahr zu tun. Es wäre wichtig mich mit meinen Geschwistern an einen Tisch zu setzen und zusammenzulegen was wir an Auffälligkeiten bei unseren Eltern erleben. Aufzuschreiben was in diesem oder jenem Fall zu tun ist, ein Leitfaden für die Kümmerer. Ich schiebe die Anrufe jetzt schon seit Wochen vor mich her, Zeit es anzugehen.

Danke Gaby

11 Kommentare zu „3. Türchen (2017) oder was hat das Leben mit ihnen vor?

  1. Demenz ist für den Betroffenen nur in der Anfangsphase schlimm, wenn die klaren Momente noch dominieren. Warum der/die eine und andere nicht? Von manchen genetischen Anlagen mal abgesehen, kann ich nur ahnen, warum. Menschen, die zeitlebens die Gabe oder besser Neigung besaßen, ganze Teile der aktuellen „Realität“ aus Selbstschutz oder Ignoranz auszublenden, haben, glaube ich, ein größeres Risiko, im Alter sich selbst zu verlieren.

    Selbst beobachte ich in diesem Zusammenhang aufmerksam meine Eltern, die mittlerweile beide die 80 weit überschritten haben. Zur Demenz neigen sie derzeit beide eher nicht, allerdings sind sehr interessante Veränderungen zu beobachten. Während mein Vater zunehmend ruhiger wird, wird bei meiner Mutter so ziemlich alles an Ängsten wieder hoch gespült, was sie zeitlebens wenn auch nicht verdrängt, so doch nicht aufgearbeitet hat. Eine andere Baustelle …

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  2. „Diese Menschen lernen auch dann noch, wenn sie vergessen, zumindest so lange wie ihnen bewusst wird, dass sie vergessen.“
    – Ja,das stimmt irgendwie.

    „Sie lernen das Loslassen, das Loslassen von Wissen, das Loslassen von Eigenständigkeit, das Loslassen von allem was irgendwann wichtig gewesen ist.“
    – Eine interessante Anregung zum Nachdenken. Ich denke darüber jetzt beim drüber Nachdenken, dass einige dabei lernen loszulassen, andere es nicht lernen, sondern eher loslassen müssen, weil ihnen nicht die Möglichkeit bleibt, sich zu wehren. Die, die von sich aus Loslassen können, das sind oftmals die, die auch „friedlicher“ sind und viel mehr Ruhe am Ende ausstrahlen als andere.

    „…jede Fähigkeit die unserem Menschen abhandenkommt loslassen zu können. Halten wir daran fest, werden wir von Enttäuschung zu Enttäuschung laufen.“
    Ja, da stimme ich dir voll und ganz zu, dass wir dann unnötig enttäuscht werden. Ich wünsche mir das auch, dass ich immer wieder loslassen kann. Es gelingt mir immer besser, aber mit jeder neuen Stufe, ist es auch immer wieder ersteinmal schwierig – für mich zumindest. Ich brauche dann immer eine Weile.

    Ich wünsche dir auch, dass du das Gespräch mit deinen Geschwistern findest und ihr euch einig werdet, über das, was zu tun ist. Aber solltet ihr euch nicht einig werden, …alles findet seinen Weg.
    Leben deinen Eltern alleine?

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    1. Ja, meine Eltern 87 und 88 leben alleine, können nicht um Hilfe bitten und sie schlecht annehmen. Es läuft auch nicht mehr alles rund und wir sollten wohl mal genauer drauf schauen.
      Schwierig, weniger wegen der Eltern, mehr wegen der Geschister. Ich nehme mir jetzt mal vor bis zum Samstag abend alle kontaktiert zu haben, derlei Vorsetze helfen mir 🙂

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  3. oh…. das ist gar kein gutes Thema für mich, ehrlich gesagt. Ich hasse es, die Eltern alt werden zu sehen. Bei meinem Vater scheint es auch so langsam anzufangen, dass er sehr vergesslich wird.
    Menschen zu sehen, bei denen man früher aufgeschaut hat, sie als Held gesehen hat, und jetzt so hilfebedürftig sind, ist schlimm für mich. Ich kann das noch nicht mit dem Loslassen. Klappt nicht.
    Überhaupt das Thema „Altwerden der Eltern“ ist ein ganz schlimmes für mich. Ich mag nicht darüber nachdenken, was ist wenn….. Nein. Ich weigere mich.

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  4. Sie lernen das Loslassen…
    Hast du den Eindruck?
    Ich sehe immer immer wieder große Enttäuschung über alles was nicht mehr ist, nicht mehr möglich ist…Entsetzen bei ihr was sie dann falsch macht…DAS empfinde ich schwer zu erleben…

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    1. Loslassen ist oft oder gar immer sehr schwer, aber es ist auch wie alles andere eine Frage der Übung.
      Ich sehe um mich herum, dass Loslassen nicht gelernt wird, die Menschen gehen durch den Schmerz ohne die Lektion zu lernen.
      Mein zweites Kind ist in mein Leben gekommen mich das Loslassen zu lehren, wirklich angefangen zu lernen habe ich erst als ich glaubte am Schmerz zu zerbrechen.
      Ich habe im auslaufenden Jahr Kniebedingt viele Fähigkeiten losgelassen… Loslassen oder Istzustand annehmen, dankbar annehmen…

      Es hilft ihr zu wissen, dass du sie auch so liebst – dich drücke

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      1. Ja natürlich wir lernen immer weiter…auch das Loslassen…
        Aber wenn doch die geistigen Fähigkeiten so nachlassen…da ist doch einiges jeden Tag neu erlebt…wie soll man da lernen
        Und natürlich immer mehr läuft über Emotionen, deshalb ist das Gefühl der Liebe des Vertrauen könnens sooo wichtig!

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