Vor sieben Jahren – April 2008

„Ich möchte mich einen Tag lang durch die Augen derer sehen die mich anschauen, einmal diese mir so fremde Frau kennen lernen.“, schrieb ich vor sieben Jahren.

Gut, dass nicht alle Wünsche sofort in Erfüllung gehen.

Der Wunsch sagt mir, dass ich damals, in tiefer Krisenzeit, schon ahnte, dass die die ich bin und das gelebte Ich sehr unterschiedlich waren. Für dieses „gelebte Ich“ habe ich letzte Woche endlich einen Namen gefunden „Platzhalter“ – die die da war so lange ich nicht konnte.

„… das ich als erste mich verlieߓ, ich habe den Platzhalter verlassen, aufgegeben und anderen haben es dann auch getan. Weil er eine leere Hülle geworden war, weil sie meiner Entwicklung gefolgt sind, weil sie sich endlich trauten, er sich nicht wehrte, weil auch sie ihre Platzhalter verlassen haben, weil… warum auch immer.

Dieser Platzhalter war das was damals die anderen gesehen haben, ohne es als solches wahrzunehmen. Ich wusste, sie sehen nicht mich weil ich wusste ich lebe nicht mich.

Diese Frau durch die Augen derer sehen die mich anschauen, das ging als ich begonnen habe den Platzhalter zu verlassen, da habe ich begonnen von außen drauf schauen zu können.

Es gibt Umgangsmuster, Gewohnheitsmuster zwischen Menschen. Auch wenn ich mein Muster schon lange verlassen habe begegnen mir immer wieder Menschen die davon nichts mitbekommen haben und mir gegenüber noch immer wie dem Platzhalter gegenüber reagieren, aus Gewohnheit, nicht weil es noch irgendwie passend währe. In diesen Reaktionen lese ich viel über die Frau von damals.

„Nimm es mir nicht übel“, „Ich sage das nicht um dich zu verletzen“, … solche und ähnliche Formulierungen säumten unser Gespräch gestern Abend und ich weiß mein Mensch spricht mit dem Platzhalter. Der Platzhalter hat gleiches übel genommen, war darüber verletzt,… heute ist rütteln und schütteln Herausforderung, Gelegenheit zu wachsen, damals durfte das nicht getan werden, es drohte Einsturzgefahr des künstlichen Gebildes.

Gut, dass ich damals nicht durch die Augen der anderen sehen konnte, ich hätte nichts damit anfangen können.

Würde ich mich heute noch durch die Augen derer sehen wollen die mich anschauen? Nein, ich sehe so schon mehr als mir oft lieb ist.

Für manche meiner Menschen würde ich mir aber wünschen, sie könnten mich durch meine Augen sehen, diese ihnen noch fremde Frau kennen lernen.

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16 Kommentare zu „Vor sieben Jahren – April 2008

  1. Das ist mal wieder ein sehr schöner und tiefgreifender Eintrag von dir 😉
    Und den Namen „Platzhalter“ finde ich auch sehr treffend.

    Ja, solange wir uns bemühen eine Rolle oder ein Bild zu erfüllen, brauchen wir uns nicht wundern, dass uns niemand wirklich erkennt 😦

    Was die Umgangsmuster und Gewohnheitsmuster angeht, so zeigt einem das natürlich auch, wie aufmerksam unser Gegenüber ist 😉

    Und was deinen letzten Wunsch und Satz angeht, so denke ich, dass dieser relativ leicht zu erfüllen ist.
    Denn zu einer Begegnung gehören immer zwei.
    Und je mehr du dein wahres Ich oder deine wahre Seele zeigst und zum Ausdruck bringst, desto eher werden dich die anderen auch erkennen 😉

    Du bist auf einem guten Weg, und ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg damit 🙂

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    1. „Was die Umgangsmuster und Gewohnheitsmuster angeht, so zeigt einem das natürlich auch, wie aufmerksam unser Gegenüber ist“
      Nein. Wie kann mein Gegenüber von Veränderungen erfahren? Wer Jahrzehnte weiss: da ist eine Tretmine, der stellt doch nicht versuchsweise doch mal den Fuss an die Stelle. Da liegt der Ball in meinem Feld.

      „Und je mehr du dein wahres Ich oder deine wahre Seele zeigst und zum Ausdruck bringst, desto eher werden dich die anderen auch erkennen“
      Schwierig wenn der andere Abstand genommen hat weil er mit dem Platzhalter Probleme hatte…

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      1. Ich hab auch nicht behauptet dass es einfach wäre 😉

        Und was die Tretmiene betrifft:
        Sicher wird der andere vorsichtig sein, vielleicht auch alte Verhaltensmuster zeigen, die sich bewährt haben, aber wer wirklich aufmerksam ist, wird die Veränderung bemerken, und solange Interesse besteht, auch mit der Zeit neues ausprobieren.
        Vor allem dann, wenn du ihm durch deine Art signalisierst, dass sich vielleicht etwas geändert hat 😉

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  2. Welches Potenzial in uns steckt, wie viele Facetten unseren Charakter ausmachen, wissen viele.

    Einer, der es besonders schön formuliert hat, ist Hermann Hesse:

    „In Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das Naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten.

    Dass jeder einzelne dies Chaos für eine Einheit anzusehen bestrebt ist und von seinem Ich redet, als sei dies eine einfache, fest geformte, klar umrissene Erscheinung: diese, jedem Menschen (auch dem höchsten) geläufige Täuschung scheint eine Notwendigkeit zu sein, eine Forderung des Lebens wie Atemholen und Essen.“
    (Hesse, Der Steppenwolf)

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    1. Was für eine schöne Beschreibung und welch schöne Formulierung „ein kleiner Sternhimmel“ – die merke ich mir wenn ich mal wieder denke um Chaos zu ertrinken. Danke

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  3. Du beschreibst Dich und Deinen weg so klar, das ist beeindruckend. Es ist schön, den Weg zu gehen, uns sich selbst dabei kennen zu lernen. Und auch sehr schön für mich, dabei zu sein. Auch aus den Erfahrungen anderer lernt man:), und mit den Augen anderer sieht Frau aus anderer Perspektive sein eigenes Leben, eine spannende Entwicklung…

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  4. Ich ’sehe‘ Menschen die mir wichtig sind, mehr mit dem Herzen als den Augen. Immer wieder mal passt das was meine Augen sehen nicht zu dem was mein Herz ’sieht‘ und dann denke ich mir, wenn der/diejenige soweit ist wird auch das übereinstimmen.
    Und wenn ich nun das Gefühl habe mit beidem eins zu sehen, zeigt mir das, das sich auch mein Platzhalter (ich klau mir das einfach mal schnell) wieder langsam von mir geht.

    Es ist schön DICH zu sehen.

    Das Leben ist schön.

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