Adventskalender 2. Türchen – Willkommen unter der Hängebuche

Liebes Du,

noch recht unbekannterweise war Trixi so mutig mir als erste ihren Ort zu schenken, vielleicht deshalb, vielleicht aber auch weil er mir so vertraut ist lade ich dich heute dorthin ein.

Willkommen „unter einer Hängebuche deren Äste bis zum Boden reichen“.

Bei meinen Großeltern stand sie vor dem Haus.

Viele Kinder fragen „Wo sind die Sterne bei Tage?“, ich wusste es, ich hatte sie gesehen. Ein sonniger Sommer Tag, Opa hatte mich mit „in“ den Baum genommen. An dessen Stamm lehnte eine verwitterte Bank. Er setzte sich hin und wies auf den Platz neben sich und dann nach oben. Da waren sie die Sterne, sie versteckten sich im Blätterwerk seines Baumes.

Opa ist im vorletzten Jahrhundert geboren, wie weit weg das gerade klingt. Eine große, knochige Gestalt, die Hände hinter dem Rücken zusammen gelegt, später seinen Stock haltend. Den Kopf schräg und die Augen darin auch irgendwie nicht gerade.

Kalt, dickköpfig, starrsinnig, rechthaberisch und um eine Ohrfeige nie verlegen, seine Kinder taten sich schwer mit ihm und das ist das Bild welches mir mit auf den Weg gegeben worden ist, eines das ich so zu pflegen hatte.

Aber er war nicht mein Vater, er war mein Opa und ich darf heute anders auf ihn schauen, darf das fremde Bild ablegen und mein eigenes Zeichnen.

Komm, setze dich zu mir auf die Bank.

Opa sprach nicht mit mir, das wenige was er mir sagte war eher geknurrt denn gesprochen, ein „komm“ oder „nimm“, an mehr kann ich mich nicht erinnern.

Wenn Oma sich zum Mittagsschlaf hinlegte, dann knurrte er „komm“ und ich trottete hinter ihm her. Es war anstrengend mit seinen langen Beinen Schritt zu halten und ich war dankbar wenn er eine Pause machte, sein Taschenmesser hervor nahm und sich ein Stöckchen aus einem Strauch abschnitt.

Einmal blieb er bei einer Wild Rose stehen, pflückte deren Früchte und schnitt im Weitergehen daran. Dann drehte er sich um, murmelte „nimm“ und drückte mir zwei eingekerbte Kugeln in die Hand. Vermutlich habe ich nicht sehr zufrieden über diese Gabe geschaut, erkannte nicht was es war. Er neigte sich zu mir herunter und steckte mir die eingekerbten, roten Bälle an die Ohren. Ohrringe nur für mich gemacht, ich war sooo stolz!

Zur Begrüßung und Abschied reichten wir einander die Hand, ich kann mich nicht daran erinnern von ihm je angefasst worden zu sein bis auf das eine Mal wo er mir die Ohrringe schnitzte.

Berührt hat er mich als fast 90 Jähriger. Der Enkel der bei ihm im Haus aufgewachsen war, verunglückte tödlich mit 16. Opa saß in seinem Sessel und knurrte immer wieder in leiser Wut „ich war doch dran, ich war dran“

Er wird durch meine Art auf ihn zu schauen nicht ein besserer Mensch, aber in meinen Erinnerungen hat er hier einen positiven Platz bekommen.

Vielleicht hast auch du jemanden den du aus dem Schatten der Erzählungen anderer befreien möchtest.

Danke fürs bei mir sitzen,

Bisou

9 Kommentare zu „Adventskalender 2. Türchen – Willkommen unter der Hängebuche

  1. „Vielleicht hast auch du jemanden den du aus dem Schatten der Erzählungen anderer befreien möchtest“

    Nein, einen solchen Menschen habe ich nicht,- allerdings einige, deren Geschichte im Dunkeln geblieben ist, was ich heute sehr bereue. Ich hätte rechtzeitig fragen sollen als die noch lebten, die ich hätte fragen können……
    Deine Erzählung über Deinen Opa gibt einen Blick frei auf diesen Menschen. Er hat Dir wichtige und wertvolle Dinge gezeigt. Er hat sie also selbst gesehen (was einen Blick auf seine Seele gestattet)…..Dinge übrigens, die niemand jedem zeigen würde……

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      1. ja sehr .
        Gestern am Abend habe ich noch geschwärmt,
        von meiner Kindheit.

        Behütet aufgewachsen
        in einem alten Bauernhaus
        mit Mama, Papa, Oma, Opa, Tante, Urgroßtante….

        Ich bin nicht sicher ob mir das heut gefallen würde, aber damals wars schön!

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  2. Berührende Erinnerungen, wunderschön geschrieben – ich liebe solche Geschichten aus längst vergangenen Zeiten … manche von Generation zu Generation weitergegeben.

    Schon einige Male überraschten mich meine Kinder damit, dass sie sich an Geschichten über ihre Vorfahren erinnerten, die ich irgendwann vor Jahren erzählt hatte…. sie scheinen dafür auch ein besonders gutes Gedächtnis zu besitzen.

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    1. Ja, Kinder erinnern sich…

      Werde meinen Kinder davon erzählen, ihnen sagen, dass sie auf ein eigenes Bild ihrer Grosseltern schauen dürfen.

      Auch sie waren andere Grosseltern als Eltern.

      Danke fürs Anschubsen

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  3. Meine Oma machte meiner Ma das Leben schwer, als Kind bekam ich davon nichts mit, ich verbrachte schöne Zeiten mit den Großeltern in einem riesigen Garten. Alte Bäume warfen im Sommer Schatten auf die teils ungemähten Wiesen und im Herbst sammelten wir die Äpfel und Nüsse auf, machten Lagerfeuer mit Glutkartoffeln, zupften Unkraut und spielten mit dem Hund.
    Ich bin dankbar dafür, dass es meiner Ma gelang, trotz Widrigkeiten mit der Schwiegermutter, uns damit nicht zu belasten.

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    1. Darin liegt eine Kunst, ich habe es versucht, mir ist es damals nicht gelungen, habe aber damit begonnen positives zwischen meiner Mutter und meinen Kinder zu suchen und es ihnen zu erzählen damit sie ihr Bild Personengerecht gestalten können.

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