Wer weint und empört sich denn da?

Vor fast genau zehn Jahren hatte meine Depression begonnen, drei Jahre später habe ich, auf der Suche nach einem Ausweg, begonnen Blog zu schreiben und bin dann hier den langen, mühseligen Weg zur Heilung gegangen. Das Schlimmste war vorüber und ich lernte hier über die verbliebenen Schwierigkeiten und Ängste zu schreiben, Menschen in meinem Umfeld mit denen ich darüber reden konnte gab es lange Jahre gar nicht. Erst als ich das Licht am Ende des Tunnels erblicken konnte habe ich mit einigen wenigen darüber reden können.

Wenn ich hier darüber geschrieben habe war es meist in Zusammenhang mit einer Erfolgsmeldung, als ich später drüber sprach, dann aus der Sicht derer die es geschafft hatte.

Gestern sprach ich mit jemandem und erzählte, dass es zwei Menschen (einer davon mit medizinischen Hintergrund) gegeben hatte die es von Beginn an erkannt hatten und nichts in Richtung Hilfestellung getan haben, nicht einmal mich selber darauf aufmerksam gemacht. Den Worten folgt etwas mir bis dahin ganz fremdes. Völlig unerwartet empöre ich mich zum ersten Mal darüber, sehe eine unterlassene Hilfeleistung im Handeln dieser Menschen die mir beide sehr nah waren. Ich weine und weinend erzähle ich zum ersten Mal von der Zeit damals und sage Dinge die mich selber erschrecken, Erinnerungen an diese Ersten drei Jahre kommen hoch. Ich frage mich schon den ganzen Tag wie ich diese Jahre überlebt habe, frage mich was stärker als meine Todessehnsucht war.

Ich habe Miss Perfect im Verdacht mich durch die Tage gepeitscht zu haben.

Wenn ich gestern erinnern konnte, dann weil Miss Perfect in der Puppenecke sitzt. Ich glaube sie war die Hüterin meiner Schlüssel und nach und nach gehen jetzt lange verschlossene Türen und Schränke auf.

Meine Empörung die mich gestern noch erschreckt hatte macht mich heute froh. Seit circa fünf Jahren weiß ich, dass die beiden von Anfang an gewusst haben, das ich depressiv geworden war und genau so lange habe ich es für normal gehalten, dass sie sich nur unter einander darüber unterhalten hatten. Ich war in meinem wertlos Fühlen gar nicht auf die Idee gekommen, dass sie sich hätten kümmern können, dass sie mir hätten sagen können wo ich stehe oder mir gar den Weg zu einer Behandlung hätten weisen können.

Gestern war ich empört, entsetzt, habe aufbegehrt und wenn ich das gestern tun konnte, dann weil ich weg bin von meiner Wertlosigkeit, dann weil ich glaube, dass ich es wert war, dass die beiden sich kümmern als ich es nicht konnte.

19 Kommentare zu „Wer weint und empört sich denn da?

  1. Deine Geschichte erinnert mich entfernt an eigene Erfahrungen. Als ich vor 14 Jahren nach dem Tod von Eltern und Mann entwurzelt und lebenshungrig nicht mehr Spur halten konnte,wurden ich und in Folge meine Kinder von unserem Umfeld (Freunde und TEile der Familie) mit Abkehr abgestraft. Auch über mich wurde geredet wie ich auf Unmwegen erfahren habe, mit mir nicht. Meine Kinder ließen sie in der Luft hängen. Wir haben Jahre gebraucht um wieder Boden unter die Füße zu bekommen.
    Einige kamen wieder, als das Schlimmste vorbei war. Der Bruch in der Freundschaft ist für mich allerdings nur oberflächlich gekittet. Ein klärendes Gespräch über die Vergangenheit war nicht wirklich befriedigend. Geblieben ist, dass ich mit Vertrauen sehr sparsam umgehe und dass ich meine Erwartungen an andere niedrig ansetze.
    Ich glaube auch, dass ich und vor allem meine Kinder es wert gewesen wären, dass man sich gekümmert hätte. Aber so haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir es auch aus eigener Kraft geschafft haben.

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  2. Diese Personen standen dir offensichtlich nicht nah genug, um mit dir statt über dich zu reden 😦

    Für sie warst du „lebensfähig“ genug, Mutter, Ehefrau und Freundin zu sein und später sogar die Ängste und Sorgen fremder Menschen an dich heran zu lassen. Mit Hilfe der über dich wachenden Miss Perfect hast du funktioniert. Es gab also keinen Grund, dich mit ungebetenen Ratschlägen oder aktiver Hilfestellung zu „belästigen“.

    Der „Last“, für dich und deinen Zustand Verantwortung zu übernehmen und mit dir Wege aus dem Dunkel zu finden, fühlten sie sich offensichtlich auch nicht gewachsen.

    Deine Heilung wäre vielleicht anders verlaufen, wenn du dich früher jemandem hättest anvertrauen können, doch es wäre nicht dein Weg gewesen und die Weise, wie du es allein geschafft hast, könnte effektiver sein!

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    1. Dachte gerade bei mir ein etwas spötisches „man kann sich auch alles gut reden“ und dann war da die Einsicht ohne Spott „ja, man kann sich alles gut reden“, es ist der einzige Weg nicht an Vergangenem, Schmerzvollem hängen zu bleiben. Der einzige Weg nach vorne zu schauen und zu gehen.

      Schön mit dir unterwegs zu sein

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    1. Doch, aber du musst erkennen, dass du jemanden brauchst (hatte ich nicht) und wenn du es erkannt hast musst du fragen (konnte ich nicht)

      Die die wir brauchen sind immer da, wir müssen sie nur erkennen und mitnehmen

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  3. Wer da weint und sich empört? M.-R…………Miss Perfekt hat sie zwar am Leben gehalten, weil sie Schwäche nicht geduldet hat,-nur durfte sie weder weinen, noch aufbegehren. Das tust Du jetzt. Nun weißt Du, dass Dein Fühlen Dir gehört und dass Du so viel mehr bist als Miss Perfekt Dir je zugestanden hätte….doch sie hat Dich am Leben gehalten und dafür gebührt ihr dennoch Dank.

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    1. Ja, ich beginne zu erkennen was sie in den letzten 50 Jahren geleistet hat, nicht nur gutes, aber immer das was sie als Notwendig erkennen konnte – sie hatte eine Aufgabe und diese hat sie erfüllt.
      Es war nicht damit getan sie in ihre Puppenecke zu schicken, hier tun sich Baustellen auf…

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  4. Die wenigsten, die so unterwegs sind, tuen es mit Vorsatz. Wir empfinden ihr Tun und Lassen als kalt und distanziert und das ist es auch. Weil sie nicht mehr haben, können sie nicht mehr geben.

    Was bleibt, ist im Idealfall eine gesunde Wut, die mit den Jahren einem tiefen Verständnis, verbunden mit inneren Frieden, weicht. Und eine gewisse Trauer, die latent nicht weichen will.

    Es lässt sich damit leben…

    Lieben Gruß, Reiner

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    1. Für einen der beiden habe ich Verständniss, er konnte nicht anders, er konnte nicht selber helfen oder sich dabei Hilfe fragen. Vermutlich war diese Unfähigkeit etwas für mich zu tun eines der vielen Steinchen die dazu führten, dass unsere Beziehung sich sehr verändert hat, es ging ein Stück Vertrauen ins bei ihm „gut aufgehoben sein“ verloren.

      Den anderen Menschen, von Beruf Psychologe, werde ich fragen, da verstehe ich es nicht.

      Danke, Reiner, fürs mit mir teilen wie es aussehen kann.

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  5. ICH stand Dir auch nicht nah genug, aber ich hab es auch gesehen. Ich wusste nicht was es war, aber diese Hoch und Tiefs waren beängstigend. Ich habe oft mitgelesen und über einen Kommentar nachgedacht und dann warst Du schon wieder in total anderer Stimmung und ich hab mich nicht getraut zu schreiben. Aber ich sah diese Risse in Dir. Ich kann zwischen den Zeilen lesen, aber ich bin im Laufe der Zeit vorsichtig geworden mit Kommentaren.

    Gestern dachte ich „es ist schade, dass diese ganzen Texte irgendwann in der Versenkung verschwinden, sie sind so wahnsinnig gut und offen und erkenntnisreich, das sollte als Buch erscheinen und nicht verloren gehen“.

    Danke mal dafür.

    Gruß Marie

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    1. Als ich begonnen habe hier zu schreiben ahnte ich was seit drei Jahren mit mir los war, da war es meine Entscheidung den restlichen Weg auch noch alleine zu gehen (ahnte ja nicht wie lang er noch sein würde)

      „Ich habe oft mitgelesen und über einen Kommentar nachgedacht und dann warst Du schon wieder in total anderer Stimmung und ich hab mich nicht getraut zu schreiben“
      Ich habe ganz viele paralel laufende Baustellen, wenn ich durch eine gerade zu einer Erkenntnis gelangt bin ich da froh und schreibe ich zum anderen Thema kann ich da Angst leben. Und das war alles noch viel stärker Ausgeprâgt als es mir nicht gut ging. Aber wo auch immer ich gerade mit meinen Gedanken bin, schreibe wie du es empfindest, deine Worte sind mir immer willkommen.

      „dachte ich „es ist schade, dass diese ganzen Texte irgendwann in der Versenkung verschwinden…“ wenn es eines im www nicht gibt, dann ist es das etwas verschwindet 🙂

      Danke dir, Marie, für deine wertschätzenden Worte und fürs hier sein

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  6. dich in den arm nehme und halte ………………

    immer und immer wieder !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    das schöne daran ist …….ich kann dich wirklich fühlen bei dieden gedanken ….

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