Aide mémoire

Wir sind heute hier zusammen gekommen um von dir, Franziska T…, Abschied zu nehmen.

Jeder von uns hatte seine Art sie zu rufen, Mama, Holländer, Oma, Franziska, Frau T… und jeder von uns hatte seine ganz eigene Art sie als Menschen zu erleben, als Mutter, Großmutter, Schwiegermutter, Freundin, Patientin, Nachbarin und für mehr als einen hier so etwas wie eine Ersatz Mama.

Ich selber hatte das große Glück sie in den letzten neun Monaten begleiten zu dürfen.

So manches habe ich aus ihrem Leben erfahren und möchte es hier Revue passieren lassen:

Ihre erste Erinnerung war eine schmerzvolle.  Eines Tages, sie ist gerade mal drei Jahre alt, ist ihr innig geliebter Teddybär verschwunden und sie war unsagbar traurig darüber.  Zu Weihnachten hat sie dann ihre Puppe Karin bekommen.  Diese war ihr bis zuletzt, 75 Jahre lang treue Begleiterin, stille Zuhörerin und Vertraute.  „Ach mein altes Mädchen, wenn du erzählen könntest“, sagte sie zu ihr.

Karin würde uns erzählen wie Franziskas Vater sie aus dem brennenden Haus gerettet hat, wie eure Mutter beim Bombenalarm in der einen Hand ein Köfferchen und auf dem Rücken einen kleinen Rucksack immer wieder mit ihr in den Luftschutzbunker gelaufen ist.  Würde von ihrem Heimweg beim Fliegerangriff erzählen wo sie zwischen den Angriffs-wellen sich von Baum zu Baum versteckend voller Angst Heimgelaufen ist.

Aber auch von ihrem schlitzohrigen Opa der sie zum lachen brachte und sie verwöhnte, wo sie glückliche Zeiten erlebt hat. Und von dem sie, so ich mich nicht irre, den Schalk geerbt hatte der ihr oft im Nacken saß.

Die junge Franziska wurde nicht gefragt was sie machen will, und so arbeitete sie erst als Blumenbinderin, später in einer Weberei.  Das hat sie sehr gerne gemacht.  Wenn sie von den hin und her fliegenden Schiffchen erzählte leuchteten ihre Augen.   Die schon in jungen Jahren von Technik faszinierte, hätte so gerne den Beruf des Webers erlernt aber das war für eine Frau damals undenkbar.

Ihre Ehe war ein Kapitel das sie immer ausgeklammert hat, sie wollte so viel lieber an schönes und gutes denken.

Franziska hatte eine Mutter gehabt die keine liebende Mama hatte sein können und dennoch oder gerade deshalb hat sie sich bemüht jedes ihrer Kinder ihre Liebe erfahren zu lassen.  Sie hat viel und hart gearbeitet und trotzdem blieb es schwierig euch jeden Tag satt zu machen, sie kannte alle Tricks und Kniffe aus wenig viel zu zu bereiten und sie sagte mir mal, nicht ohne Stolz „Ich habe meine fünf Kinder groß gekriegt“

Sie hat Streithähne auseinander gebracht und auch wenn ihr ab und an mal die Hand ausgerutscht ist, ich denke da gerade an ein Löffelchen dass unachtsam in die Spüle geworfen worden war, war sie Liebevoll und auch zum Verstecken oder Fußball spielen hat sie sich Zeit geschaffen, sogar beim Angeln hat sie geholfen und dabei, zur Verblüffung aller, 40 Heringe einen nach dem anderen aus dem Wasser gefischt – ob der dem so geholfen wurde heute angeln kann, das hat sie mir nicht erzählt.

Sie war ein guter Zuhörer und in ihrer weisen Art verstand sie es die richtigen Fragen zu stellen, nicht bevormundend sondern so beim Finden der Lösung helfend.

Ein beetje, wie oft und gerne hat sie das gesagt, ein beetje gek war sie auch, in einem Tierpark wollte sie mal die Scheibe herunter lassen um einen Auge in Auge am Auto stehenden Löwen zu streicheln.  Sie hat ihn wohl nur als großes Kätzchen gesehen und die hat sie doch so geliebt.

Als alle aus dem Haus waren bekamen die kleinen Freuden des Alltags große Bedeutung.  Der Plausch überm Gartenzaun war ihr Kraftquelle.  Morgens hat sie ihre Spieluhr in der Windmühle aufgedreht und so begann der Tag mit „Tulpen aus Amsterdam“, dann ging es ins Wohnzimmer ihrem „lieben jung“, so nannte sie Jesus, guten Morgen sagen und ihre allgegenwärtigen Katzen begrüßen.  Wir haben ihr versprochen, dass es ihren Kätzchen auch nach ihrem Tode gut gehen wird und sie in liebe Hände kommen.  Wem hätte sie sie lieber anvertraut als den Menschen die ihr heute die Ehre erweisen Abschied von ihr zu nehmen, deshalb bitte ich euch, wenn ihr gleich geht, euch hier eine ihrer „Muschele Mitzchen“ wie sie sie nannte als Andenken an Sie mit zu nehmen.

Ihre wohltuend ruhige und geduldige Art half ihr, auch die letzte Wegstrecke zu meistern.  Wie sie in ihrem Leben vieles hingenommen hatte, so konnte sie dann auch mit ihrer Krankheit umgehen.   „Das hab ich mir nicht bestellt“ „Dä blöde Kamerad“ Ja, manchmal haderte sie auch mit ihrem Schicksal.  Dann haben wir auf die Uhr gesehen und  fünf Minuten „schimpfen, klagen, jammern“ eingeführt… und das endete immer in Gelächter.  Ja, wir waren oft das lauteste Zimmer im Heim und es hat sich nie jemand beschwert, nicht darüber und nicht über anderes.  Ob mit Windmühle, Puppe, Sand von der Ostsee, Hund, Katzen oder halben Hähnchen, immer waren wir  willkommen und nicht selten „erwischten“ wir Pfleger die mit ihr am flirten, am albern oder schmusen waren.  So viele, fleißige Hände die sie umsorgt und liebevoll gepflegt, sie bis zum letzten Tag mit ihrer Bebe creme verwöhnt haben.

Was auch immer einer von uns getan hat, sei es ein Besuch, ein Gruß, ein Streicheln oder Umarmen, sie dankte es uns mit einem Lächeln, war dankbar für jede Kleinigkeit.

Ihre Untätigkeit machte ihr zu schaffen, so gerne hätte sie etwas getan.  Tobias war mal dabei als sie sagte wie gerne sie doch wieder nützlich wäre und sie musste lachen als ich dem kleinen erzählte, dass die Oma, sobald sie im Himmel ankommt damit beginnt den Engel die Kleidchen zu bügeln, deren Flügel zu bürsten, die dicken, flauschigen Wolken aufschüttelt und sich umgehend für den Job als Schutzengel für ihn bewerben würde.

Einem fünfjährigen mag man es so erklären, für euch die ihr hier ihren Verlust betrauert habe ich ein anderes Bild.

Eine der großen Lieben und Sehnsüchte eurer Mama und Oma war das Meer.

Wenn wir ihr Leben mit einer Welle vergleichen, dann sehen wir wie Wind und Strömung sie über den Ozean, mal wiegen, mal peitschen.  Mal ist sie ruhig und rund, mal schäumend. Mal trägt die Welle eines Tankers last, mal kitzelt das Schaukeln einer Möwe auf ihrem Scheitel. Nach langer Wanderung übers Meer nähert die Welle sich der Küste. Rollt mit der Flut an Land, bricht und ist dann verschwunden. Für unsere Augen verschwunden, denn das Wasser welches die Welle bildet ist zurück, zurück zum großen Ganzen, zurück zum lebenspendenden Meer.

Mit einem Teddybären habe ich hier meine Erzählung begonnen, mit einem Teddybären werde ich Enden.  Ihr neuer Bär, von den Pflegern und bald von allen „Bodygard“ genannt hat ihr diesmal niemand weggenommen, sie hält ihn jetzt in ihren Armen.

Mijn laatsten woorden in de taal van uw grootouders die u zo graag hoorde: ik gaa uw panzer zoeken, voor u erop klimmen en naar de see zwaaien. Tot dan.

7 Kommentare zu „Aide mémoire

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