Adventskalender 16. Türchen (2012) – Spieglein, Speiglein an der Wand

Liebes Du,

wenn du mich schon länger begleitest, hast du sicherlich schon mal von mir gelesen, dass ich mich nicht in einem Spiegel sehen kann. In den Spiegel schauen gab es nur wenn es notwendig war. Das Gesicht schminken, den Sitz der Kleidung überprüfen. Es hat mal jemand sehr lieb versucht mir mein Spiegelbild zu zeigen, weiter als die Frau im Spiegel zu sehen bin ich aber nicht gekommen. Ich hatte keine und viele Erklärungen dafür.

„Ich bin es wert geliebt zu werden“ war … ein Appell an mich selber. Es wurde mir zum Mantra.

Wen forderte ich da auf wen zu lieben? … Es ging um die die ich bin, mit ihren Talenten, Fähigkeiten aber auch mit ihren Defiziten und Grenzen… “ Schrieb ich gestern. Dieses „Ich bin es wert geliebt zu werden“ sagte ich jeden Morgen dem Bild im Spiegel.

Je weniger ich versuchte etwas zu tun und sein mir die Liebe anderer zu verdienen, je mehr ich über mich entdeckte, je mehr ich von mir freilegte, je persönlicher wurde diese morgendliche Aussage. Irgendwann war die Frau im Spiegel ich. Ich konnte mich im Spiegel sehen. Nicht ein Gesicht oder eine Gestalt sondern mich. Ich habe nicht verstanden was da passiert war bis ich folgenden Satz von Lyra gelesen habe: „Du erkennst dich nicht im Spiegel, wenn du es nicht bist“

Wie einfach, einleuchtend Dinge sein können wenn sie in die richtigen Worte gekleidet werden – eines von Lyra’s großen Talenten.

Wie ein Kind habe ich vor dem Spiegel gestanden, Fratzen geschnitten, weggedreht und wieder hingesehen um zu prüfen ob ich mich noch immer sehen kann, habe mit mir gespielt und gelacht, mich mit mir angefreundet.

Heute möchte ich dich mit einem Auftrag verabschieden, geh und schaue in einen Spiegel, schaue dir liebevoll in die Augen, lächle dich an und freue dich, dich zu sehen.

Bis morgen,

Bisou

14 Kommentare zu „Adventskalender 16. Türchen (2012) – Spieglein, Speiglein an der Wand

  1. Wenn es keinen Spiegel gibt, besagt eine Theorie, dass die umgebenden Personen dann die Funktion des Spiegels übernehmen. Vielleicht gibt es inzwischen eine Übereinstimmung, die früher massiv behindert wurde. Ein Psychologe, der zu Gesicht bekäme, was Du hier berichtest, würde ganz schön begeistert sein. Viel zu selten bekommen sie wahrscheinlich eine solche Aktivierung der Selbstheilungskräfte zu sehen.

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  2. Auftrag ausgeführt 😉

    Seit einigen Monaten ist die Frau im Spiegel mir wieder vertraut. Nachdem sie mich davon überzeugt hatte, anders zu sein als ich sie sah, habe ich mich nach ihrer Vorstellung verändert und bin froh darüber, mich wiedergefunden zu haben.

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      1. Ich habe mich einfach irgendwann nicht mehr im Spiegel erkannt und wollte wissen, wie ich (inzwischen) wirklich aussehe…nachdem die Haare kurz und grau waren, stimmten Gefühl und visuelle Wahrnehmung wieder überein.

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    1. Vergleichst du da nicht zwei Dinge die nicht zu vergleichen sind?

      Ein Foto ist der starre, festgehaltene Bruchteil einem Augenblicks
      Ein Spiegelbild etwas dauerndes, also unzählige aneinandergefügte Bruchteile, obendrein, ein bewegtes Bild

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