14. Türchen: "Sonne"

Simon sucht die Sonne
von
Klaus Beuchler

 

 

Simon ist ein kleiner Junge mit roten Haaren und dreißig Sommersprossen. Die Sommersprossen hat ihm die Sonne auf die Nase und die Stirn getupft. Jeden Tag gibt die Sonne im Vorübergehen von ihren Strahlen eine Sprosse ab. Denn es ist Sommer. Und die Sonne spaziert über den klaren Himmel wie auf einer blankgeputzten Straße, von Ost nach West, jeden Tag auf gleichem Weg.

Am frühen Morgen blickt Simon der Sonne entgegen. Am späten Abend blickt Simon der Sonne nach. Wohin geht die Sonne?
Simon möchte das brennend gern wissen. Aber niemand kann es ihm sagen – der Vater nicht, die Mutter nicht, auch nicht die Oma. „Die Sonne geht unter“, ist für Simon keine Antwort. Was untergeht, kann nicht wieder aufstehen. Aber jeden Morgen ist die Sonne da, blinzelt durchs Fenster, gibt Simon von ihren Strahlen eine Sprosse ab, spaziert durchs weite Tal, streicht dem Waldrücken über den Buckel und verschwindet. Danach schickt sie den Mond zur Wachablösung. Was aber macht die Sonne in ihren freien Stunden?

Simon ist ein Entdecker. Im Teich hinter dem Haus hat er schon einmal einen Feuersalamander gesehen. Im Heu der Scheune fand er die verlegten Eier der Henne Dora. Außerdem weiß Simon, dass in der hohlen Weide nicht der Waldgeist, sondern die Schleiereule haust. Simon wird auch hinter das Geheimnis der Sonne kommen.

Und so zieht Simon eines Abends los, den Feldweg entlang, dem Wald entgegen, über dem die Sonne gerade ihren letzten Schnaufer macht, rot vor Anstrengung nach langem Tagesmarsch. Es ist ganz still ringsum. Alle Welt scheint den Atem anzuhalten angesichts der müden, dicken, roten Sonne, die auf dem Bergbuckel hockt, als könnte sie nicht mehr weiter.

Ein Hase im Klee macht runde Augen vor Staunen. Auf der Weide blökt die Kuh Hermine vor Verwunderung. Die letzte Lerche lässt sich schweigend vom Himmel fallen, ins feuchte Gras. Die Sonne zieht die Strahlen ein und putzt sich blank. Sie schimmert jetzt wie eine reife Tomate und ist zum Anfassen nah. Wenn Simon sicht beeilt, wird er heute hinter ihr Geheimnis kommen. Das ist ganz klar.

Simon nimmt die Beine in die Hand. Hopp, ist er im Wald. Er läuft durch die schwarzen Tannen, den Hügel hinauf. Verschlafen gurrt eine Wildtaube. Noch zwanzig Meter, dann hast du es geschafft, sagt sich der kleine Simon. Damit besieht er seine Angst im dunklen Forst. Und schon wird es hell. Ein roter Schimmer zwischen den Bäumen. Das muss die Sonne sein. Aber war sie nicht rund, die dicke Sonne? Was da auf der Wiese hinter dem Wald steht, ist jedoch viereckig, festgefügt, solid mit Dach und Fenstern – und sieht aus wie ein Haus.
Es ist ein Haus. Und in der Tür des Hauses steht ein dicker freundlicher Mann. Er ist rot im Gesicht, wie eben die Sonne.
„Ich suche die Sonne“, ruft Simon enttäuscht.
„Du stehst davor“, sagt der dicke freundliche Mann. Er zeigt auf ein Schild über der Tür: „Gasthaus zur Sonne“.
Simon steht wie festgenagelt. „Die Sonne ist dort drin?“ fragt er fassungslos.
Der dicke Mann schüttelt den Kopf. „Nicht mehr. Die Sonne ist nur eingekehrt und weitergezogen. Das macht sie jeden Abend. Dann verschwindet sie hinter dem Horizont.“

Der dicke freundliche Mann nimmt Simon an die Hand. Er geht durch den Flur mit ihm, auf eine Balustrade hinaus. Er zeigt über ein weites Tal zum Himmelsrand, wo ein letzter Funke stiebt. Oder ist es schon der erste Abendstern?
„Und was macht die Sonne hinter dem fernen Horizont, eh?“ schreit Simon entrüstet.
„Sie arbeitet“, sagt der dicke freundliche Mann und wird auf einmal ganz ernst. „Tagaus, tagein scheint die Sonne. Denn auch hinter dem Horizont leben Simons wie du, tausend, Millionen kleine Simons, denen sie von ihren Strahlen ebenfalls eine Sprosse abzugeben hat. Doch nun komm, kleiner Simon, stärke dich wie die Sonne, ehe ich dich nach Hause bringe.“
Mitten auf dem Tisch, in der Gaststube, steht ein Glas mit Goldrand. Der Goldrand blitzt und funkelt.
Hat die Sonne vielleicht aus diesem Glas genippt? Simon kommt es ganz so vor, als er den süßen Traubensaft trinkt.
Und mit einem Mal fühlt er sich der Sonne nahe, so fern sie in diesem Moment auch sein mag.

 

In jedem von uns wohnt ein kleiner Simon auf der Suche nach seiner persönlichen Sonne.  2010 hatte ich einige Male das warme gefühl meinen „Goldrand“ gefunden zu haben.  Dieses Fühlen wünsche ich jedem von euch, ganz besonders dir MarieBu.  Danke.

 

20 Kommentare zu „14. Türchen: "Sonne"

  1. Ohne Sonne wäre das Leben sehr traurig und all unsere Glücksgefühle hätten keinen Platz, sich aus zu toben !!!

    Meine Mama war mit sehr vielen *Sprossen gesegnet und wollte sich darum nur ungern in die Sonne legen, da hat ihr dann mein Papa immer das Lied auf der Gitarre gespielt:“Ich bin ja so verschossen, in deine Sommersprossen….“

    Danke für’s Fühlen !!!

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  2. Erinnerst du dich an meinen Jahresrückblick 2009, als ich davon schrieb, daß es ein leises Jahr war, keine Höhen und Tiefen, ein Jahr wie ein ruhiger See. Damals schriebst du, dass du mir mehr Leben wünschst für das Jahr 2010. Warum? Ich bin mit den leisen Tönen zufrieden, mein Leben ist im Fluss und ich wäre froh, wenn es so bleiben würde. Verstehst du was ich sagen will? Die Leute sind ständig auf der Suche nach MEHR, mehr Leben, die große Liebe, der absolute Kick, mehr mehr mehr von allem. Sie suchen das große Glück und übersehen dabei, dass sie es vielleicht schon lange gefunden haben. Sie übersehen die Schönheit der kleinen Blumen am Wegrand, weil sie nur nach riesigen bepflanzten Blumenflächen Ausschau halten.

    Liebe hat viele Namen und viele Gesichter. Ich glaube an Karma. Es gibt ja immer im Leben einen Punkt zum Ausstieg. Bei manchen Lieben ist auch das Leid schon vorprogrammiert und dann sollte man sich fragen „Wollte ich leiden? Warum? Um überhaupt Gefühl zu fühlen, zu leben, lieber Schmerz zu empfinden als gar kein Gefühl?“

    Ich finde Glück zu haben im Leben bedeutet Zufriedenheit. Schau nach vorne, nicht zurück. Die Vergangenheit kann niemand mehr ändern, die Zukunft liegt in deiner Hand.

    Wir alle sollten Gläser mit Goldrand sammeln, denn Gläser aus purem Gold gibt es nur sehr selten und wenn ICH eines geschenkt bekommen hätte, dann bewahre ich das in einem Safe auf *grins*.

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    1. „Was für ein schöner Jahresrückblick, was für ein schön gelebtes Jahr. Kann dir nur wünschen dass das nächste genau so wird… nur in allem etwas anders ;)“ Die schrieb ich dir unter deinen Blog. Wünschte ich dir wo anders „mehr“? Dann war es ein „mehr“ dass dir geteil wird, nicht eines dem du hinterher jagen musst, ein solches wäre, du hast es erkannt ein „weniger“

      Ich wûnsche dir deine Goldrandgläser zu erkennen 🙂

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      1. *grins* alle Achtung, Du erinnerst dich noch.

        Ja, ich habe ein sicheres Gefühl für die Goldrandgläser, mein Bauchgefühl. Das hat mich noch nie enttäuscht. Und all die anderen lasse ich außerhalb meines Lebens, denn sie stehlen mir nur meine Zeit und die wird ja immer kostbarer.

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