1. Türchen (2010): „Kopf“

Vor einigen Tagen habe ich euch gebeten mir Worte zu schenken. Es waren noch keine zehn Minuten  vergangen, da tat mein Aufruf mir schon leid.

 

Der Graf war schuld.  Kommt einfach rein spaziert und schreibt das Wort „Kopf“ hin. Ich fühlte mich sowas von „erwischt“. 

 

Er konnte doch nicht wissen, dass ich seit Januar einen Text zu „meinem Kopf“ mit mir herum schleppe.  Immer wieder erwägte ich ihn zu posten und habe es dann immer wieder verworfen.

 

Immer wieder war da die Frage ob ich die Geschichte kommentarlos einstelle oder ob ich dazu schreibe was sie mir bedeutet.

Kommentarlos wollte ich nicht und mit Erklärung hatte ich all die Monate nicht den Mut.

 

Ich glaube eher an Fügung denn an Zufall, deshalb heute den „Kopf“ Text mit seiner Bedeutung für mich.

 

Mein Kopf kann sich erlebtes nicht merken, kann es nicht festhalten. 

Es heißt das sei nichts Ungewöhnliches für Menschen die Erfahrenes vergessen, verdrängen mussten. 

 

Ich lebe mit sehr wenig Erinnerungen, ein paar Briefe, ein paar Fotos (leider viel zu wenige, bis vor drei Jahren konnte ich mich nicht fotografieren lassen), Dokumente, Gegenstände helfen mir diese Erinnerungen fest zu halten. 

 

Fakten, Daten, Namen, Orte, Situationen, Erlebtes, usw. diese Dinge verschwinden.  Starke Gefühle sind das einzige von dem ich denke es behalten zu können.

 

Es ist schwierig damit im Familien- oder Freundeskreis nicht auf zu fallen, aber mit den Jahren habe ich mir unzählige Tricks angeeignet die mir über mögliche peinliche Situationen hinweg helfen.

 

Wenn es mir nicht gut geht, dann „verliere“ ich auch Worte.  Dagegen habe ich mir im Laufe der Jahre einen breiten Wortschatz angeeignet, im Büro bin ich so Ansprechpartner für Synonyme oder alternative Ausdrucksweisen geworden.

 

Wenn es mir schlecht geht, dann „verliere“ ich manches Wissen und Worte ganz.  Da hilft dann Privat nur noch so zu tun als sei ich schlecht gelaunt, was mir das Reden erspart und im Job sind das die Tage wo ich die „beschäftigte Chefin“ raushängen lasse, kein Kundendienst, kein Telefon und alle Termine absagen.

 

Dieses Jahr gab es zum ersten Mal ein Wochenende an dem ich den Menschen mit denen ich zu tun hatte nichts vorgespielt habe.  Ich habe ihnen (zugegeben, es waren nur drei) sagen können, dass mir im Gespräch Wörter fehlen könnten und sie haben mich genau so angenommen wie ich war.

 

Meinen Kopf, wie ich hier versucht habe ihn euch zu erklären, habe ich oft verflucht.  Die folgende Geschichte, die mir im Januar 2010 über den Schirm gelaufen ist hat mich ein Wenig mit ihm versöhnt.

 

 

 

Wasser im Korb

Am Rande der Wüste lebte ein Eremit. Ihn besuchte eines Tages ein junger Mann.

„Ich lese so viele heilige Texte“, sagte er, „ich vertiefe mich in die Schönheit der Worte, ich möchte sie alle festhalten und als einen Widerschein der ewigen Wahrheit in mir bewahren. Doch es gelingt mir nicht, ich vergesse alles. Ist nicht die mühevolle Arbeit des Lesens ganz umsonst?“

Der Eremit hörte ihm gut zu. Er ließ den jungen Mann einen schmutzverkrusteten Korb aufnehmen, der neben der Hütte stand.

„Hole mir aus dem Brunnen dort drüben Wasser“ sagte der Eremit.

Widerwillig nahm der Jüngling den schmutzigen Korb und ging zum Brunnen.  Das Wasser war längst herausgerieselt, als er zurückkehrte.

„Geh noch einmal“, sagte der Eremit. Der junge Mann folgte. Ein drittes und viertes Mal folgten.

„Sieh den Korb an“, sagte der Eremit, „er ist ganz sauber. So geht es dir mit den Worten, die du liest und bedenkst. Du kannst sie nicht festhalten, sie gehen durch dich hindurch. Aber ohne, dass du es merkst, klären sie deine Gedanken und machen das Herz rein.“

 

Rosmarie Herbert

 

 

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36 Kommentare zu „1. Türchen (2010): „Kopf“

  1. ………..Du hast Deinen Kopf, eben nicht nur zum Haare schneiden :-)………ich freue mich mit ihm Abends ins Bett gehen zu können und Morgens aufzuwachen !!!!!!!!!!!!!!
    Die Wege des Großwerdens hat schon seine Eigenarten , aber es lohnt sich immer !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    ……………….BIN STOLZ AUF DICH…………………..

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  2. *mich über alles freue, was ich aus deinem Kopf bisher erfahren durfte … so viel mehr, als ich selbst an Worten finden könnte. Dein Kopf wird wissen, wann es an der Zeit ist, auch wieder einen Blick in die hinteren Schubladen zu gewähren … falls sie wirklich leer sind, ist dort viel Platz für Neues 😉

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  3. Eines deiner Geheimnisse ist nun bekannt, doch es ändert nichts an meinen Gefühlen für dich, die sind beständig!
    Jeder hat sein Päckchen, das er mit sich herumträgt und muss sich vor Freunden nicht genieren, wenn sie es entdecken.

    Lass dich lieb umarmen, jetzt wissen wir, was sich hinter dem ersten Kalendertürchen verborgen hat! Ich bin schon gespannt auf das zweite!

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  4. Du hast so viele Worte, dass es uns nicht auffällt, wenn Dir welche davon nicht verfügbar sind.
    Dass, was Du beschreibst, muss sehr ängstigend für Dich sein und, dass Du es über all die Jahre verborgen hast, muss Dich viel Energie gekostet haben. Du konntest nicht los werden, was Dich quält und
    leb(te)st immer mit einer erhöhten Gefahr, missverstanden zu werden.
    Indem Du uns davon erzählst, befreist Du Dich von der Last dieses Geheimnisses und vom Zwang der Tarnung. Wir wissen jetzt, wie es Dir ergehen kann, womit wir eventuelle „rechnen“ müssen. Du gibst uns damit die Möglichkeit, Dich besser zu kennen und zu verstehen.
    Vor allem aber, gibst Du uns dadurch die Chance, Dich als die gern zu haben, die Du bist. Was, wie ich vermute, von einer besonderen Wichtigkeit für Dich ist. Draußen ist es bitter kalt. Ich heb die Decke einladend an: willst Du mit drunter?

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  5. Deine Texte regen mich immer sehr zum Nachdenken an. Danke!

    In unserer Welt macht man sich viel zu viel Gedanken was die Anderen von mir denken. Im Grunde ist das doch total nebensächlich, nur ICH bin der Maßstab für MICH. Wenn die anderen mich für merkwürdig halten, sollen sie doch. Was ist denn normal oder unnormal, wer legt denn hier die Latte an. Ich gucke seit mehr als 10 Jahren kein Fernsehen mehr, niemand aus unserem Bekanntenkreis fiel das bisher auf, wenn ich an diesen (für mich) uninteressanten Gesprächen über die letzte lasche Sendung nicht beteiligt bin. Ich spreche auch nicht darüber, sie würden es sowieso nicht begreifen. Irgendwann merkte ich, dass ich diesen langatmigen Programm gar nicht mehr folgen konnte oder wollte, sie langweilten mich, ich empfand sie als Zeitverschwendung. Abends geh ich ins Bett (in meine Gebärmutter *grins*) und lese. In meinen Kopf lasse ich rein was ICH möchte. Und es gibt auch einige Schubladen im Verborgenen wo Dinge lagern die erst mit der Zeit – mit dem Verstehen – geöffnet werden. Vielleicht ist DEIN Kopf klüger als Du. „WAS will Dir nicht in den Kopf?“ „Warum geht das nicht in Deinen Kopf?“ Kennst Du die Bücher von Rüdiger Dahlke z.B. „Krankheit als Weg“, die im Grunde besagen, dass die Ursachen von allen „Krankheiten“ in der Seele zu suchen sind. Wobei ich Krankheit jetzt bewußt in Anführungszeichen gesetzt habe. Denn auch ohne krank zu sein sind die Bücher sehr gut und geben tiefe Einblicke in die Seele – wenn man das zuläßt.

    Nochmals Danke für Deinen „Kopftext“.

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  6. Wenn ich einer dieser drei gewesen wäre, würde ich jetzt sagen, danke für dein Vertrauen in mich, das du soviel Vertrauen hast um über deinen Schatten zu springen und mir die Chance gibst, dir zu zeigen das ich dich immer liebe, egal wie du ohne Maske bist.

    Wie gesagt, wenn ich….;);D

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  7. Manchmal braucht man einen Stein des anstossens… diesmal war es ein Wort… vielleicht ist es beim nächsten Mal eine Geste… ein Lächeln …

    Ich schick dir mal eins … :O)…
    ach ja … und hier schneit und schneit es… will wohl gar nicht aufhören…

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  8. Danke für diesen „Kopf-Text“. Ich konnte mich in Teilen davon wiederfinden.
    Du hast soviele Worte, die Du uns hier schenkst. Vielleicht braucht der Kopf immer wieder Platz, damit genug neue Worte entstehen können.
    Dich dick umärmel.

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  9. eine solche Verknüpfung habe ich mir nun wahrlich nicht vorgestellt als ich dir was hinter dem Türchen hinterlassen habe…. Dafür dass du so ausführlich und so offen über deinen eigenen Bezug zu besagtem Wort schreibst gebührt dir Respekt !!
    Dankeschön.

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    1. Ich habe S. Freud nicht bemüht, doch du hast recht, die meisten hier verraten mehr über sich in ihren Kommentaren denn in ihren Blogs.

      Jetzt wo ich es zu meinem gemacht habe, magst du mir sagen warum du mir das Wort „Kopf“ geschenkt hast?

      Warum auch immer, an dieser Stelle danke ich dir dafür.

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  10. Meine Woche ist nun endlich um und nun sitze ich hier
    und spüre großes Verlangen dich ganz fest zu umarmen……

    ein Türchen ist geöffnet und mit so vielen Worten gefüllt,
    das es meiner Meinung nur noch eines bedarf: „DANKE!!!“

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  11. Was für eine Wahrheit! und wie wunderschön verpackt sie ist. ich liebe diese kleine Geschichte.
    Aber, ich erkenne auch den Nebensatz, den sie enthält.
    Der, der uns zeigt, das nicht immer nur die Qualität, oft genug auch die Quantität, von Nöten sei.
    Mit anderen Worten:
    Wo wenige nicht reichen, mache viel.
    WORTE

    …auch, wenn dies sicher nicht im Sinne der Autorin war.
    ————–

    Und zu dir, Bisou, die du durch blaues Blut zu deinem Mut fandest, möchte ich gern sagen, es ist immer erst das Fühlen was uns leitet. So gesehen also kein Grund etwas zu vermissen.

    Wenn wir es in Worte fassen, dann zu oft nur um Umwege als solche lesen zu können.

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    1. Es hat sich für mich seitdem einiges verändert, mit meiner Mitte, mit dem Erkennen von Krankheiten und Abhängigkeiten, mit dem befreien daraus gesundet mein Kopf Stück für Stück.

      Wünsche dir eine gute Reise 🙂

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